3. Das Chaos der Materia Prima

Wie aus einem flachen Tagtraum gerissen, findet sich unser annähernd eindimensionale Held im Alltag wieder. Nur noch wenige Millimeter vom Gelände der Navigations-Division entfernt, werden p1Xel die einschneidenden Erlebnisse dieses merkwürdigen Morgens bewusst. Bit für Bit setzen sich die gesammelten Informationen zusammen, wobei p1Xels Fortbewegung aus der binären Taktung gerät:

«Sprung zwischen den Welten.»

Erinnert er sich, während er in einer Schlangenlinie die Pforte zu seinem geliebten Arbeitsplatz durchpixelt. Normalerweise dankt er an dieser Stelle dem Netz mit einem kleinen Gebet für die Großzügigkeit einer erfüllenden Beschäftigung. Heute sind seine Leitungen belegt von den abenteuerlichen Strings des Parawissenschaftlers:

«Entschlüsselung des ewigen Gesetzes des Internets.»

Mitten im Foyer des riesigen Komplexes verliert p1Xel jegliche erkennbare Gleichmäßigkeit in seinem Rhythmus und stürzt ins Chaos. Es fühlt sich an, als würde der gesamte Untergrund anfangen zu schwingen. Seine Leuchtdioden gehen an und aus, und wieder an, und wieder aus. Auch sein Farbwert, der Spiegel seiner Gefühlswelt, flackert chaotisch zwischen Rot, Grün und Blau. Notgedrungen stoppt p1Xel, hält inne und spürt die verdutzten Reaktionen seiner geschätzten Kollegen. Sein Gedankenkarussell dreht sich weiter:

«Auf der Flucht. Vom Pixelitär gejagt.»

Er ahnt, in was für ein Himmelfahrtskommando er tagträumend hineingeraten ist. ‘Ich habe mich blenden lassen von der leuchtenden Energie des Forschers’ wirft sich p1Xel selbst vor. In der Absicht sich zu beruhigen und das Chaos greifbar zu machen, versucht er die Verantwortung und das persönliche Risiko das auf ihm lastet abzuschätzen. Er erinnert sich:

«Zukunft unserer Spezies. Leben und Tod. Ohne dich geht es nicht.»  

Die letzte RGB-Farbe entschwindet p1Xel und er wird bleich. Was ihn vor einem kompletten Zusammenbruch in der Eingangshalle bewahrt, ist sein Alphakanal – eine Qualität die allen Pixeln angeboren ist. Dieser hält der ausufernden Informationsflut stand und geleitet ihn sicher im Autopiloten zu WAVE, der Spezialeinheit in der er tätig ist.  

Völlig überreizt wird er quengelig. Am liebsten möchte er den gesamten Morgen einfach streichen, alles vergessen und seiner gewohnten Arbeit nachgehen. Aktuell arbeitet WAVE an einer Aktivmatrix für ein responsives Mega-Menu. Ein Projekt, welches das gesamte Team elektrisiert und, wenn rechtzeitig fertiggestellt, die gesamte Heimat leichter zugänglich machen wird. Seine Kollegen kennen p1Xel als verlässliche Säule beim Rendern der ersten sichtbaren Elemente der Webseite. Sie schätzen seinen Optimismus und die Präzision die er selbst beim Laufen von komplizierten Mustern einbringt. Nicht selten muss sein Vorgesetzter Schwar2 ihn mit einer deutlichen Geste in den Feierabend schicken.

Aufgewühlt von der Macht seiner Gedanken, hadert p1Xel heute mit seinem Schicksal und fühlt das moralische Dilemma an sich zerren. Auf der einen Seite ist er überzeugt, dass es erfahrenere Kandidaten gibt für den Sprung zwischen den Welten, die Reise ins Unbekannte, die Annäherung an das im Dunkeln Verborgene. «Ich kenne nicht mal meinen Geburtscode, um dessen Mitbringen mich der Erleuchtete gebeten hat» zweifelt er. Auf der anderen Seite hat der Jungpionier sein Versprechen gegeben und erinnert sich an Albin0s Prophezeiung. Demnach sei er, p1Xel, vom Netz geschickt, um beim Abschluss von H3153N83R6 helfend mitzuwirken.

p1Xel entscheidet, seine Entscheidung zur Lösungs des Dilemmas zu verschieben. Stattdessen lenkt er sich ab und stürzt sich inbrünstig in die Arbeit. Er ist für den Bereich Typographie eingeteilt. Schnell und zuverlässig digitalisiert p1Xel normalerweise fast aller Buchstaben und hat keine Schwierigkeiten selbst die schweren Umlaute “ä”, “ö” und “ü” so zu laufen, dass sie nicht verschmieren. Heute ist er viele Millimeter von seiner Bestform entfernt. Er weiß, dass er es Morgen bereuen wird, aber in der Hoffnung, die Leistungsanforderungen zu erfüllen, hebt p1Xel sein elektrisches Potential vorübergehend auf auszehrende 1 Millivolt. Es hilft nicht. Im Gegenteil, er verpasst die Einsätze für die gemeinsame Choreographie und überdreht dermaßen, dass selbst ein profanes “l” zum kalligraphischen Hochseilakt wird. Wenn das WAVE-Team in Bestform beinahe telepathisch harmoniert, mal diszipliniert die präzisesten Figuren läuft, mal ausgelassen ekstatisch über die Fläche tanzt, so ist die heutige Vorführung mehr Pflicht als Kür, mehr Beruf als Berufung, mehr mechanische Arbeit als apollinisch-dionysischer Schöpfungsakt. Wie es p1Xel sonst erhebt, Teil dieser balanciert orchestrierten Einheit zu sein, so frustriert es ihn heut, dass so gut wie nichts zusammenläuft.      

mandala pixel art

Gerade als p1Xel einen Schlussstrich ziehen und ihren Choreographen Schwar2 um einen freien Tag bitten möchte, wird plötzlich alles weiß.

p1Xel befürchtet im ersten Moment sein Bewusstsein verloren zu haben, als Schwar2 auf die Bühne kommt und erstmal Entwarnung gibt:

«Der Teufel der Weißheit hat wieder zugeschlagen. Wir haben einen 500er. Betet zum Himmel das alles gut wird und macht erstmal Pause.»  

«Glück im Unglück, die Suche nach der Fehlerquelle wird einige Zeit in Anspruch nehmen» denkt p1Xel, dem dieser Server-Fehler ausnahmsweise gelegen kommt. Bis die Baupläne zur Wiederherstellung ihrer Heimat hoffentlich wieder zugestellt werden, rechnet p1Xel mit ein paar gewonnenen Stunden und fast Mut:

«Zeit genug, um mich zu sammeln und Klarheit zu gewinnen. Vielleicht ist diese aufgezwungene Pause ein Geschenk des Schicksals.»

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