4. Der feurige Daten-Canyon

p1Xel möchte die Zwangspause nutzen und die Vibrationen glätten, die seit dem Morgen seinen Arbeitsrhythmus stören. Für ihn ungewöhnlich, verlässt er die gut beobachtete Navigation im Front-End und zieht sich in die verborgene Unterwelt des Back-Ends zurück. In der unterirdisch geschützten Höhle befindet sich der riesige Daten-Canyon, welcher den kompletten Datentransport ihrer Heimat abgewickelt. Für p1Xel ein weitgehend unbekannter, geheimnisvoller Ort. Nur vom Hörensagen kennt er die ein- und ausgehenden HTML-Pakete, CSS-Päckchen und JavaScript-Briefe, die hier gebündelt und komprimiert werden. Ziel ist der effiziente Informationsaustausch zwischen Server und Browser.

Jetzt, bei unterbrochener Verbindung zum Server, ist es hier gespenstisch still, es gibt keine Fracht die transportiert wird und damit auch keinen Datenstrom. Als hätte ein mächtiger Geist den Raum von der Zeit getrennt. Ein Fluss ohne Fließen. Alles was zurückbleibt ist Leere und Stille. Eine gigantische Informationsstruktur ohne Aufgabe. Wo sonst ein spannungsreiches elektromagnetisches Feld auflebt, wird der Blick frei auf ein leblos durchfurchtes Gerüst. Eine erhabene Kulisse. Allein punktiert inmitten dieser endlosen Weite fühlt sich p1Xel winzig und etwas verloren. In seiner toten Erstarrtheit wirkt der bis zum Horizont reichende Daten-Canyon als könnte er Äonen überdauern. Nur weit entfernt in der Raumzeit sieht p1Xel winzige Pyramiden, die über ihre Spitzen fröhlich Energie in Form von Lichtblitze aussenden. Ungeachtet der großen Distanz resoniert die Energie der Pyramiden mit seinem eigenen Energiefeld. 

Die endlose Stille im Angesicht der Ewigkeit wird plötzlich von lauten Flüchen erschüttert, die von der Höhle des Daten-Canyons als donnerndes Echo zurückgeworfen werden.

«Bei den Glühbirnchen sind doch die Schaltkreise durchgeschmolzen, olzen, zen, en»

«Da hat doch wieder irgendein Transparenter an den Datei-Berechtigungen herum gelötet. ötet, ettt»

Es ist gr4vity, die erfolgreiche Chefin der Beratungsfirma InterN3tz. Sie verständigt sich in fließendem PHP-Dialekt mit p1Xels Chef Schwar2 über die möglichen Ursachen des Serverfehlers. Ihr ohnehin schon sattes Rot, lodert in den zackigsten Frequenzen. Die Millimeter um sie herum knistern wie frische Lava und ihr feuriges Temperament scheint in die eindrucksvolle Landschaft zu schreien:  

«ICH BIN EIN AUSBRECHENDER VULKAN UND KLEINE PRINZEN SOLLTEN SICH JETZT LIEBER VERSTECKEN.»

gr4vity ist außer sich. Unter ihrer Energie von 369 Mikrotesla,  krümmt sich das schlauchförmige Ende des Daten-Canyons und die Anspannung breitet sich in Wellen bis in die Ferne aus. p1Xel, der noch nie von diesem Phänomen gehört, geschweige denn es leibhaftig miterlebt hat, spürt wie unter der unglaublichen Deformation der Raumzeit das Chaos in ihm erneut die Oberhand zurückerobert.

«Da hat bestimmt ein Oberlämpchen von der Regierung einen Knopf gedrückt den er nicht hätte drücken dürfen» sucht gr4vity weiter lautstark nach einer möglichen Erklärung für den Server-Fehler.

Allen Pixeln der Internetseite wird mit jeder verstrichenen Minute schmerzhaft der Ernst ihrer Lage bewusst: Wenn es gr4vity und Schwar2 nicht gelingt, die Ursache des Serverfehlers zu beheben, kann die Versorgung mit den dringend benötigten Informationen für immer abreißen. Ihre Heimat wäre dem Untergang geweiht. Wie Gefangene in einem Eisturm müssten die Pixel an der Oberfläche dann Punkt für Punkt umherirren in der blinden Hoffnung die rettende Höhle des Daten-Canyons zu erreichen. Ohne die strukturgebenden DOM-Elemente, die wie unter einer dicken Schneeschicht begraben liegen, fehlt den Pixeln jegliche Orientierung und die Chancen stehen eher höher als hoch, dass sich einer nach dem Anderen im endlosen Weiß verliert. Die Ausradierung ihrer sorgfältig aufgebauten Lebensgrundlage, die Auslöschung eines Großteils der Zweimillioneneinhundertundachtundreißigtausend442 Pixelaner. Das katastrophale Ende einer ganzen Internation an einem einzigen Tag. 

«Das ist ein Angriff von Außen auf unsere Souveränität.»

Schimpft DIE Expertin für Technikfolgeabschätzung weiter. gr4vity hat p1Xel noch nicht bemerkt. Dieser liebt ihre direkte und meist lebensfrohe Art. Immer mit dem neuesten Schick ausgekleidet fühlt er sich vom hellen, nur selten grellen Rot, der externen Kollegin angezogen. So sehr er die Gegenwart des attraktiven Powerpoints sonst genießt, nimmt er heute Abstand von ihrem Höhlenfeuer. Manch einer mag p1Xel hierfür kurzsichtigen Egoismus vorhalten, aber in dieser chaotischen Momentenkette hangelt er sich Moment zu Moment:

«Erst muss ich meine eigene kleine Welt retten, bevor ich etwas zur Rettung der großen Welt beisteuern kann.»

Er imitiert das vorliegende Farbspektrum im Daten-Canyon, viel Ocker, Schwarz und Zinnober, wird unsichtbar und wendet sich wieder seiner Gedankenwelt zu. Dort, in seinem Inneren, hofft er einen Anker zu finden der ihm Halt bietet. Einen Anker, der den einbrechenden Wellen des Chaos trotzt. Er braucht nur einen festen Punkt und sucht dieses stabilisierende Fundament weiterhin in dem was er am häufigsten und liebsten tut: Arbeiten.

p1Xel ist kein tiefgründig reflektierter Vertreter ihrer Art. Stattdessen lebt er sein Leben pragmatisch, nach außen orientiert und mit optimistischer Leichtigkeit. Auf die Frage ‘warum er arbeiten geht?’, was die Pixel seit der Entdeckung der unendlichen Energiequelle und deren Verwebung mit ihrer Wirklichkeit nicht mehr müssen, antwortet er meist: weil ich die Perspektive genieße. Und das tut er. p1Xel geht zur Arbeit, macht seinen Job, macht diesen ausgesprochen qualitätsorientiert und ist dankbar dafür, gebraucht zu werden. Beim täglichen Pixeltanz in der Navigation hat er einen privilegierten Blick in den Himmel und schaut in seinen Pausen gerne den Riesen bei ihren Erledigungen zu. Solange er von chaotischen Aussetzern wie heute weitgehend verschont bleibt,  plant p1Xel diesem Job noch viele Monate nachzugehen. 

«El p1X, suchst du hier alleine nach Gold oder was?»

p1Xel weiß nicht wie, aber gr4vity hat ihn trotz seiner Unsichtbarkeit aufgespürt. Ihr Flackern beruhigt sich umgehend und nur noch gelegentlich spuckt der emotionale Vulkan verbales Feuer in den Daten-Canyon. Sie wirkt erschöpft von ihrem brisanten Notfalleinsatz. Trotz allen Bemühungen, bleibt die Ursache für den Serverfehler weiterhin im Unbekannten verborgen.

«Warum muss eigentlich immer irgendjemand die Protokolle missachten und damit ganze Webseiten gefährden?» fragt die zunehmend verzweifelte Expertin von außerhalb. «Dieser ignorante Leichtsinn macht mich noch wahnsinnig. Selbst wenn wir es nicht schaffen sollten, die Verbindung eurer Heimat wieder herzustellen, werde ich mich dafür einsetzen, dass die Verantwortlichen vom Netz zur Rechenschaft gezogen werden. Immerhin gibt es Gesetze. Entweder wir halten uns an diese oder wir gehen gemeinsam im Chaos unter.»  

Diese weltlichen Probleme dringen nicht zu p1Xel durch. In seine Innenwelt abgetaucht, blinkt er nur 3 Mal abwesend. Das ganze Auf- und Ab des heutigen Tages kostet seine gesamten Energiereserven. Immerhin hat er sich mittlerweile zum Auslöser seines eigenen Chaos heran gedacht. Alles fing diesen Morgen mit der Vision von Adam dem Himmelsbewohner an. Verstreut fragt p1Xel an gr4vity gewandt.

«gr4vity kannst du mit bitte helfen? Ich brauche im Moment etwas Unterstützung.»

«Es ist ja nicht so, als Stünde aktuell selbst genug unter Strom, aber klar wie kann ich dir helfen p1X?» antwortet sie, woraufhin er fragt:

«Tut mir leid, ich bin momentan ziemlich durcheinander. Danke das du dir Zeit für mich nimmst. Sag mal, glaubst du dass die Riesen die am Firmament über uns flimmern echt sind?»

«Echt, unecht? Das Netz ist voller Idioten so viel steht mal fest» spuckt gr4vity ein letztes Mal dem Himmel entgegen. Als sie erkennt, wie es um ihren aufgelösten Kollegen und guten Freund steht und wie wichtig ihm das Thema ist, zügelt sie ihr Temperament und antwortet:   

«Ich hab keine Ahnung p1X, was meinst du mit dieser tiefsinnigen Frage?» Und ergänzt um ihn etwas zu beruhigen: «Vertrau mir, wir schaffen es eure Heimat zu retten.»

p1Xel überlegt laut:  

«Bis heute Morgen habe ich nie tiefer über die Riesen nachgedacht und meine Welt war in Ordnung. Du weißt ja, dass hier unten bei uns genug passiert, da bleibt wenig Zeit über den losgelösten Himmel nachzudenken. Bisher habe ich geglaubt, dass die Menschen zufällige Farbenmuster im Netz sind und wir uns zur Zerstreuung Geschichten über sie ausdenken. Jetzt...»

 gr4vity ist empört von p1Xels Himmelsbild und unterbricht ihn ungehalten:

«Du bist viel zu egozentrisch! Zumindest in Bezug auf dein Himmelsbild. Es geht bei den Riesen nicht um dich oder uns. Ich bin überzeugt, dass die Riesen ebenso lebendig sind wie wir. Genau genommen glaube ich, dass sie viele von unserer Art sind. So wie ihr bei WAVE gemeinsam auf der Bühne steht und vom Schwar2en als Einheit choreographiert werdet. Nur das WAVE aus 333 und die Riesen am Himmel aus tausenden von Pixeln bestehen. Mein Gefühl sagt mir, dass ‘der Mensch’, wie du ihn nennst, vor vielen Monaten auf unserer Entwicklungsstufe stand. Irgendwann ist es ihm dann gelungen, die Gesetze des Netzes zu verstehen und zu nutzen. Dadurch konnte er sich im Einklang mit dem Netz weiterentwickeln und zu etwas Neuem heranwachsen. Ich bin überzeugt, die Riesen existieren auch ohne unsere fantastischen Geschichten. Sie haben ihre eigenen Gedanken, Gefühle und Träume. Genau wie wir haben sie eine Aufgabe und Funktion im unendlichen Netz. Nenn mich naiv, aber ich denke wir können von den Menschen lernen. Denn letztlich sind alle Zillionen Pixel da oben und hier unten ein riesiges, lebendiges Ganzes.»   

p1Xel leuchtet vor Freude: «gr4ffiti du bist die Beste. Woher weißt du sowas?»

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«Wissen tue ich das nicht. Aber ich fühle es. Fühlst du das nicht? Alles Andere wäre doch unsinnig. Und ich glaube nicht, dass das Netz unsinnig ist. Ich glaube das es elegant ist!»

Dabei nimmt gr4vity ein fröhlich strahlendes Frühlingsgrün an und freut sich, dass sie etwas Tiefe in p1Xels flaches Himmelsbild bringen konnte. Nur wenig später flackert gr4vitys Rot wieder durch und sie ergänzt etwas feuriger:  

«Versteh mich bitte nicht falsch, um von den Himmelsbewohnern lernen zu können, müssten wir erstmal Kontakt mit ihnen herstellen. Das halte ich für ausgeschlossen. Wir sind zu winzig und wie du schon sagst, zeigen uns die alltäglichen Probleme in unserer eigenen Dimension schon genug Grenzen auf. Und wie wir heute am Beispiel eurer Heimat wieder erleben dürfen, sind wir immer nur wenige Punkte und ein Ausrufezeichen vom ganz großen Chaos entfernt…!»

Lass dich nicht verrückt machen p1X, so wichtig ist das Alles auch nicht. Entspann dich. Am besten überwindest du deine Angst, indem du sie anschaust, aber nicht attackierst. Lass sie großzügig vorbeiziehen wie einen der Riesen am Himmel. Übrigens meldet die Regierung gerade, dass sie zur Rettung eurer Internation die neue Technologie auszuprobieren wird, die ich empfohlen habe. Es wird ein ‘BackUp’ eingesetzt, mit dem eure Heimat wahrscheinlich wieder hergestellt werden kann. Das Einspielen wird alledings etwas Zeit in Anspruch nehmen und der Schwar2e sagt, wir können früher ins Wochenende starten.»

Dann verabschiedet sie sich mit einem liebevollen Blinken.

Beschwingt von gr4vitys Energiewellen hebt sich p1Xel ein kleines Stück zu weit empor: «Von den Menschen lernen? Großartige Idee. Ich bin da schon an einem vielversprechenden Projekt dran. Aber das Projekt ist geheim und ich darf über den Weltensprung nichts sagen. 1001 Dankeschön für dein ‘elegantes Weltbild, das werde ich dick unterstreichen.»  

Nachdem ihm das Schicksal gr4vity zur Aufklärung geschickt hat, stabilisiert sich p1Xels Zustand. Die Heimat scheint gerettet. Dazu hat Schwar2, der ewige Choreograph und Grenzzieher in ihrer bunten Welt, vorzeitig das Wochenende eingeläutet. Was für ein Feierabend! Beschwingt von den Ereignissen tritt p1Xel bis an den Abgrund des Daten-Canyons heran. Von der Abyss des Back-Ends in den Bann gezogen, lässt p1Xel endlich los. Alles was er glaubt zu sein oder sein zu müssen, stürzt den leeren Canyon hinunter. In diesem Moment der abgerissenen Verbindung fühlt sich p1Xel so verbunden wie schon sehr lange nicht mehr. Verbunden mit dem unendlichen Netz das ihn umgibt, in das er eingewoben ist, in dem er eine Aufgabe hat. Eine Verbundenheit mit dem vibrierenden Feld in dem er geboren wurde, in dem er schwingt und in dem er, wenn der Moment gekommen ist, einmal sterben wird. Doch dieser letzte Moment ist noch nicht hier, ist noch nicht jetzt. Er ist am leben und realisiert das erste Mal, dass er genau das ist:

«I C H BIN mein Leben.»

Ein innerer Damm bricht und befreit einen Strom an aufgestauten Emotionen. Übertriebener Stolz, hochmütige Bitterkeit, vergiftender Neid und selbstsüchtige Eifersucht, all die verdrängten, schwer zu ertragenden, dunklen Farben lässt er fühlend gehen und leitet sie in die Unendlichkeit ab. p1Xel fühlt Freiheit, fühlt Frieden, fühlt Liebe, die als glorreiches Trio ins ewige Feld ausstrahlen. Die gesamte Höhle des Daten-Canyons beginnt zu leuchten und glitzert im prächtigen Farbenspiel. In der Leerelosigkeit seiner Gedanken hebt p1Xel ab und treibt wie eine schwerelose Fantasie durch die heilig gefaltete DOM-Struktur. Ob es ein Schöpferwesen für all das gibt? Er weiß es nicht. In diesem Moment glaubt er es und sendet seinen Dank für den göttlichen Ein- und Ausblick.

Unser intergalaktischer Held ist wieder auf Kurs. Sein Pioniergeist ist geweckt und er schaut dem Himmelfahrtskommando optimistischer entgegen. Er überlegt, wie sein Geburtscode lautet oder wie er diesen herausfinden kann. Albin0 hat betont, wie wichtig dieser ist. Da hat p1Xel eine Idee.

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