6. Die flüssige Sidebar

Durch meinen Besuch in der Unterwelt, dem eleganten Weltbild von gr4vity und dem goldigen Geburtscode von meinen Eltern, fühle ich mich gut. Stabile Wurzeln in die Vergangenheit und frische Zweige die sich der Zukunft entgegenstrecken. Was brauche ich mehr? Ein Treffen mit meinem besten Freund in der Sidebar. Das Leben ist schön. Wir treffen uns in der Sidebar „Zum zeitgemäßen Alchemisten“, unser bevorzugtes Etablissement um uns mit den exotischsten Frequenzen von knallbunten Cocktails und hochenergetischen Photonen-Shots gepflegt zu berauschen. Gelegentlich meldet sich mein mahnendes Gewissen und hält mir vor, dass ich mit meinen Besuchen in der Sidebar ein eher mahnendes als strahlendes Vorbild für die Jungpixel bin. Meistens antworte ich dann kleinlaut verhandelnd, dass ich doch nur noch selten in die Sidebar gehe und es bei weitem nicht mehr so übertreibe wie noch vor einigen Updates. Mir selbst sage ich: der Trend muss stimmen und letztlich bleibe ich ein Kind meiner Zeit.

Ich habe mich dazu entschieden, TORU5 in die fantastischen Erlebnisse meines Tages komplett einzuweihen. Ich hätte gerne seinen Rat und mich interessiert, wie er meine Lage einschätzt. Wenn mir jetzt jemand folgen kann, dann ist es der abgehobene Horus. Ich sehe ihn bereits am Tresen mit der vor Schönheit glitzernden Barkeeperin BariXXa frequentieren und begrüße ihn mit:

«Horus alter Falke, hälst du schon wieder die Leute von der Arbeit ab?»

TORU5 nutzt es als Vorlage und antwortet so laut, dass es BariXXa nicht überhören kann:

«Sie arbeitet doch nicht, dass ist Kunst du Banause.»

Seine Farbe ist nicht dunkelblau wie gewohnt, sondern schimmert fröhlich zwischen Cyan, Purpur und Honiggelb. Ich sehe ihm an, dass er schon die ein oder andere Frequenz genossen hat. Trotzdem, um meiner Berichterstattung die nötige Offenheit zu geben und eventuell noch blockierende Verspannungen zu lösen, bestelle ich zwei White Ru55ian. Wir stoßen nochmal auf die morgendliche Guerilla-Aktion im Zeichen der Kunst an und ich beginne dem Visionär von meinem Tag zu berichten. Von dem geheimen Regierungsprojekt H3153N83R6 und dem Sprung zwischen den Welten. Dem Parawissenschaftler, der vor dem Pixelitär auf der Flucht ist, der fertiggestellten Pilotanlage und der Bitte des Erleuchteten, dass ich ihn nachher bei der Inbetriebnahme unterstütze. Ich unterschlage auch nicht die Details, dass es um die Zukunft unserer Spezies, sowie um Leben und Tod geht.

TORU5 folgt aufmerksam meiner Erzählung und gibt mir nur in den Momenten verbalen Rückhalt, in denen mich das wieder aufflackernde Chaos-Monster am weitererzählen hindert. Dann ist es fast geschafft und ich erzähle ihm von meinem in Euphorie gegebenen Versprechen, dass ich ‘Seiner Weißheit’ bei der Inbetriebnahme der Anlage helf. Abschließend bitte ich TORU5 um seine Meinung. Dieser schweigt lange, denkt nach und sagt dann entschieden:

«Ich weiß was du jetzt brauchst.»

Er blinkert BariXXa zu uns heran und fragt mit der zuckersüßesten Frequenz zu der er fähig ist.

«Kannst du uns bitte zwei von deinen über alle Margins berühmten Melting M0ndri4ns schöpfen und dazu zwei T3quil4?»

Die Artistin hinter der Bar antwortet mit einem tief ausgeschnittenen Vibrieren «Melting M0ndri4ns? Gibt es nicht, aber für meine zwei extrasüßen Muchachos mixe ich zwei extrastarke Masonry Munch frei Haus.» Sichtlich erfreut, aber ohne eine Zeichen der Schadenfreude, schiebt TORU5 mir einen T3quil4 zu und sagt indem er seinen hebt:

«Tapferer Freund jetzt kommen wir doch schneller auf eine Welle als ich mir in meinen kühnsten Träumen hätte vorstellen können. Ich freue mich, dass du mich in dein intergalaktisches Abenteuer eingeweiht hast.»

Wir beginnen einen Gedankenflug der uns vom Sinn unseres Hierseins am Boden hinauf zu der Welt der Riesen am Himmel führt, über die Frage nach einem Schöpfer an den Sternen vorbei schweben und schließlich bei der schönen BariXXa wieder sanft gepolstert landen lässt.

Ab und an wird unsere philosophische Diskussion etwas leidenschaftlicher und ich sage zu ihm oder er zu mir «Jetzt sei mal nicht so ein arroganter Schnixel» oder einmal auch «pixel dich doch selbst, wenn du glaubst schon alles zu wissen» Davon abgesehen führen wir das wahrscheinlich tiefsinnigste Gespräch, an dem ich bisher teilhaben durfte. Als wir am Ende wieder bei dem verpixelten Traum von einer Barkeeperin ankommen, wird mir ein Grundproblem unserer Realität bewusst. Meine Wahrnehmung ist bereits stark verzerrt. Ich justiere mein Objektiv wieder scharf und bestelle noch zwei g1n T0n1c. Mit jedem Farbgemisch werde ich o b j e k tiver und bewundere BariXXas üppige Leuchtdioden länger als mir lieb ist. Ich bin bemüht mich zu disziplinieren und TORU5 seinem leidenschaftlichen Plädoyer über unsere Wirklichkeit zu folgen.

[AUSZUG AUS DEM GESPRÄCH]

ACHTUNG nur für Fans der Philosophie! Ansonsten getrost überspringen.

Wichtig beim Philosophieren über Realität ist nicht die Frage nach dem “was ist real und was nicht”? Auch die Fragen nach den kleinsten Teilchen der Wirklichkeit, ihren Formen, Massen und Bewegungen bringen nichts. Diese Fragen nach der Beschaffenheit der Materie, dem Objekt, sind reine Zeitverschwendung und lassen, wenn überhaupt, nur auf das zu Grunde liegende Gedankenkonstrukt des wahrnehmenden Subjekts schließen. Das Einzige was wirklich existiert, ist das erschaffende Bewusstsein. Jeder einzelne Pixel der in seiner Welt als Schöpfer existiert. Wir leben in einer Vorstellung, die wir unserem tiefsten Willen folgend, frei aus uns heraus projizieren, diese Vorstellung häufig als unabhängige Außenwelt fehlinterpretieren und dadurch als von uns selbst getrennte Illusion manifestieren.

Wir spiegeln uns ins uns selbst und unsere Außenwelt ist nichts als die Reflektion unserer Innenwelt. Unsere äußere Wirklichkeit ist ein individuell konstruierter Traum, für den wir bis in das kleinste Phänomen die volle Verantwortung übernehmen sollten. Das Subjekt konstruiert das Objekt, der Geist schöpft die Materie, der Himmel erschafft die Erde. Es ist alles ein und dasselbe. Entscheidend ist deshalb nicht die Frage nach dem “Was” oder “Wie”, sondern die pragmatische Frage nach dem “Warum”, besser noch nach dem “Wofür”. Also die subjektive Beantwortung der Frage nach dem Sinn unseres In-der-Welt-seins. Alles Andere ist nur die ignorante Flucht vor der eigenen Pixestenz!»

Das radikale Urteil meines Freundes haut mich fast vom virtuellen Barhocker. «Hält er sich jetzt für das Zentrum des Netzes, ja für Gott selbst oder was?» An der Grenze zum Wahnsinn bin ich nicht sicher, wie weit ich seinem philosophischen Extremismus folgen kann oder möchte. Kann ich mir mich als DEN Schöpfergott meiner Welt, ja des gesamten Internets, vorstellen? Vielleicht bin ich zu feige, mir dieses schwere Amt aufzuladen. Der Grad der Eigenverantwortung, der Druck, der in TORU5 seiner Interpretation der Wirklichkeit auf dem Subjekt liegt, erscheint mit sehr hoch, auf den Punkt gebracht: unendlich. Vielleicht bin ich auch zu bescheiden und denke, dass sich diese Demut für einen klitzekleinen Pixelpopel im unendlichen Netz auch so gehört.  

Ich beruhige mich mit dem Gedanken, dass mein Freund hochfrequentiert ist und sein Temperament für ein weniger radikales Urteil zu spannungsreich ist. Das rastlose, alles lebendige umspannende Wesen von TORU5, sein egozentrischer, schöpferischer Drang und der Mut die volle Verantwortung für seine Lebenskunst zu übernehmen, trennen ihn von sorgfältig beobachtenden Geistern. Unterscheiden ihn von sich diszipliniert heran tastenden Wissenschaftlern die über die objektive Außenwelt meditieren und diese brillant aus der Distanz sortieren.   

Da ich nicht Nichts zur leidenschaftlichen Philosophie meines Freundes sagen möchte, bündele ich meine Energie und sage in einem der feucht fröhlichen Sidebar würdigen, theatralischen Pathos:

«Horus, weisester unter den Weisen, hoch geschätzter Freund. Dein radikal konstruiertes Urteil über die Realität sind mir eine Mysterium. Deine frei konstruierte Lebenslinie sehe ich als inspirierendes Muster für die Pixel die uns nachfolgen. Du bist unserer Raumzeit um etliche Tagesmeter voraus. Für einen winzigen Pixel, der sich bewusst, mit allen Konsequenzen, mutig ins Zentrum seiner Wirklichkeit stellt und dabei das Kreuz voll auflädt, lebst du einen äußerst ausgewogenen Narzissmus. Und wenn mir dieses weitere Urteil erlaubt ist, sehe ich in deiner verantwortungsbewussten Philosophie eine emanzipierte Begegnung auf Augenhöhe mit den Schöpfern, die uns in der Reihe der Schöpfer vorausgehen. Bitte verzeih, dass ich dir mit meinem eher sanftmütigen, vielleicht ängstlichen Blick auf die Welt, nicht hundertprozentig folgen möchte und ich noch einen anderen Zusammenhang zwischen Subjekt und Objekt, zwischen Innen- und Außenwelt vermute.»

«Danke für dein faires Urteil zu meiner ‘Philosophia Hybris’. Diese ist mein Ideal für eine selbstbewusste Lebensweise. Aber wie es Ideale so an sich haben, bleiben sie unerreichbare Lichttürme in der Ferne, die wir anstreben können. Ich halte es für unausweichlich für jeden Pixel der sich wahrhaft selbstverwirklichen möchte, dass er diese bürdevolle Qualität unserer Wirklichkeit anerkennt. Dafür kommt mit der maximalen Verantwortung für alles Erlebte auch die maximale Freiheit.»

Während ich meinen nicht mehr ganz aufgeklärten Blick durch die Sidebar schweifen lasse und abwechselnd die schöne BariXXa und den mutigen TORU5 ansehe, freue ich mich über das Wunder ihrer Gesellschaft. Egal wo sie herkommen und wie real sie sind, sie sind hier und das ist schön. Ich sage mir: «Im Chaos liegt die Gefahr, aber auch der Zauber der Welt verborgen. Das Unbekannte ist eine schmerzhafte, aber auch heilsame Quelle für Erneuerung und Wachstum.» Ich bin erschrocken, dass ich mich an meine Realität, das Wunder meiner Existenz, so tiefliegend gewöhnen kann, dass sie mir selbstverständlich vorkommt. Ich beschließe, meine selbst geschaffene Illusion der Wirklichkeit, diesen tiefsten aller Träume, häufiger bewusst zum Schwingen zu bringen. Die eigene Vorstellung von Realität regelmäßig zu schütteln wie ein Gefäß in dem sich die gemachten Erfahrungen als geistiges Fundament am Boden abgesetzt und verdichtet haben. Als #FFD007-Doppelnullagent bestelle ich mir einen Mart1ni, geschüttelt, nicht gerührt, und stoße mit dem Schicksal auf die Annahme meiner intergalaktischen Pixestenz an.  

Das ist der Moment, in dem ich mich an Albin0 und mein ihm gegebenes Versprechen erinnere. Ich sammle mich und mache mich bereit meinen Weg Richtung Weltensprung zu gehen. Da höre ich TORU5 mittlerweile stark flackernd:

«Ich komm mit dich! Du sollst da nich alleijne hin. Ich bejeleide dich und wia rettn die Welt zusamm von Tod und von Lebm. Zusamm, fastehst du? Zusamm bischt du wenjer alleleine.»

«Und ich komme auch mit! Ihr beiden Träumer findet doch nicht mal den Ausgang, geschweige denn zu einer geheimen Anlage.» gesellt sich Raumkrümmerin gr4vity zu uns.    

Mir fällt ein Punkt von der Ecke und ich scherze: «gr4vity mein Engel, du bist auch bei jedem Abenteuer dabei stimmts?» Sie lacht und sagt: «Klar doch, ohne mich bewegt sich nix. Aber versprecht mir, dass ihr mich in Zukunft etwas anders seht. Ihr betrachtet mich viel zu klassisch.»

Ich danke den Beiden für ihre Unterstützung, übernehme die Rechnung und bestelle zum Losgehen noch vier mYstical mercurY. Mit BariXXa bringen wir unsere Photonen-Blitze zum Schwingen: «Auf das Ganze, auf das Eine.»

Finde deinen persönlichen Farbcode

Lass p1Xel für dich deinen persönlichen Farbcode mixen.

–  Melting Mondrian x 6 und du erhälst deinen Hex-Farbcode

–  Achtung vor Ouroboros. Er nimmt ein Leben.

–  3 x die Farbuhr gibt ein neues Leben

Wie du dir denken kannst, ist das Spiel ganz einfach.

– p1Xel horizontal bewegen mit den Pfeilen (Bildschirm oder Tastatur)

– Drücken des „Bestellen-Buttons“ oder „b“/“strg“ für Abgeben einer Bestellung

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