2. Der Ruf des Schicksals

Ein gelungener Start in den Tag. Während seiner Heimat der Morgen dämmert, genießt er die verbleibenden Sekunden der kontemplativen Stimmung. p1Xel ist zufrieden und fühlt sich wie neu geboren. Er hat bereits seinem Freund geholfen und gibt sich dem daraus folgenden Karma hin. Die positive Energie lässt er unkontrolliert durch seine Leitungen zirkulieren. Mit nur grober Orientierung schlendert unser Jungpionier verträumt durch den Footer und hat noch etwas Zeit um durch den Body zu seiner Arbeitsstelle in der Navigation zu gelangen.

Während er sich entspannt durch die kleinen Gassen des Südens punktet und den steigenden Puls des Tages annimmt, fällt ihm unweit entfernt, hinter einer Ecke, ein ungewöhnlich helles Licht auf. Ein Licht, als haben sich 100 Pixel zu einem vereint. Neugierig nähert sich p1Xel dem merkwürdigen Phänomen und riskiert vorsichtig einen Blick um die Ecke.

Er ist geblendet und kann im ersten Moment nichts erkennen. Erst als er sich an das reine Licht gewöhnt, sieht er einen einzigen Pixel der über alle 4 Ecken strahlt. Der Erleuchtet kommt fröhlich tänzelnd auf ihn zu und nimmt euphorisch Kontakt auf:

«Danke, DANKE, du bist es!»

Der weißeste Pixel dem er je begegnet ist, stellt sich p1Xel mit den Worten vor:

«Ich bin Albin0. Gerade habe ich einen Hilferuf ins Netz ausgesandt und um Unterstützung für den Abschluß meines Magnus Opus gebeten. In dem Moment bist du erschienen. Das Netz hat dich geschickt, ich weiß es, ich weiß es! Wie heißt du?»

p1Xel ergraut instinktiv und stabilisiert seine Transistoren. Mit schützend zusammen gekniffenen Visier nennt er kurz angebunden seinen Namen. Mehr sagt unser blendend aussehender Geblendete vorerst nicht und wartet stattdessen ab. Lange muss er nicht warten und es sprudelt aus Albin0 heraus.

«Glaubst du an das Schicksal?»

Ohne p1Xel Zeit für eine Antwort zu lassen, fährt er direkt fort:

«Ich schon! Und glaube mir, ich bin schon viel im Netz herum gekommen und habe dabei viel erlebt.»

Albin0 erzählt ihm offenherzig, dass er lange Zeit als Forscher für die Regierung gearbeitet hat. Dass er das parawissenschaftliche Projekt H3153N83R6 geleitet hat und das es bei diesem um die Erforschung des Netzes und die «Überwindung der letzten Grenze zwischen den Welten» ging. Der Parawissenschaftler führt aus, wie er mit Fortschreiten des Projekts einige spektralkuläre Pixeltheorien aufgestellt hat, die er in den Augen der Elitixel besser nicht formuliert hätte. Es geht um freie Energie, freie Materie und noch freiere Pixel. Letztlich sei er sogar auf das ewige Gesetz des Netzes gestoßen. Dann sagt der mit Leidenschaft Sprühende erst Worte, dann Sätze und schließlich Absätze von denen p1Xel sich nur Wortfetzen merken kann: Quantenirgendwas, Unschärfesowieso, Superposiwasnochmal. Ohne Pause zu machen, schießt es weiter aus Albin0 heraus:

«Seit das Pixelitär auf mich aufmerksam geworden ist, bin ich auf der Flucht. Auf mich selbst gestellt, habe ich eine Theorie zum Sprung zwischen den Welten beschrieben und diese in Laborexperimenten getestet. Daraufhin habe ich eine Beta-Anlage realisiert und konnte eine Methode für den praktischen Weltensprung formulieren. Schließlich ist es mir gelungen, die gewonnenen Erfahrungen in einer ausgereiften Pilotanlage zu fusionieren. Der Upscale ermöglicht nun den Weltensprung für einen ganzen Pixel. Den Bau der Anlage habe ich an einem geheimen Ort vor wenigen Tagen abgeschlossen.»

Er betont, dass die Inbetriebnahme der Anlage wegen der vorherrschenden Konstellation heute Nacht stattfinden muss. Er rechnet mit dem Allergrößten.

Unterdessen bemerkt p1Xel, dass Albin0 mit jedem Satz sogar noch weißer wird. Das geht soweit, dass p1Xel befürchtet, dass der vor Weißheit aufgeblasene Parawissenschaftler dem hohen Druck nicht mehr lange standhalten und gleich explodieren wird. Doch Albin0 überrascht ihn und beendet, gerade noch rechtzeitig, seine dramatische Lebensgeschichte mit den Worten:

«Und genau für die Einweihung meiner intergalaktischen Rakete brauche ich dich. Es geht nicht ohne dich p1Xel! Hilfst du mir?»

Die graue Farbenrüstung, die p1Xel zu Beginn dieser seltsamen Bekanntschaft angenommen hat, schmilzt dahin und verwandelt sich in ein aufgeregt puckerndes Rosa. Ohne Frage, die Einladung von Albin0 ist etwas zweideutig, aber p1Xel denkt nicht, er fühlt:

«Diese Leidenschaft, diese Selbstaufgabe, diese Weißheit!» 

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Überrascht, gerührt, überwältigt. p1Xel bekreuzigt sich, fällt auf virtuelle Knie und hört sich zum personifizierten Schicksal sagen: «Ja ich will, ich verspreche es.» Albin0, hastig bemüht dem Knieenden wieder auf die gleiche Höhe zu helfen, sendet goldene Ringe der Dankbarkeit aus und sagt: «Ich danke dir, du wirst es nicht bereuen.» Euphorisch besprechen die zwei Versprochenen noch das Kleingedruckte und verabreden sich für den Abend.

Dann wird es für einige Augenblicke gleißend hell und Albin0 ist verschwunden.  

Das Kleingedruckte

Treffpunkt ist heute 23 Uhr an der unteren linken Header-Ecke. p1Xel verpflichtet sich, für den Abschluss des Projekts H3153N83R6 seinen Geburtscode mitzubringen. Dieser 6-stelligen Farbcode repräsentiert das Energiespektrum seiner Geburtssekunde. Bei dem konspirativen Treffen geht es um die Zukunft ihrer Art, um Leben und Tod, und p1Xel darf niemandem von dem Treffen erzählen. Im Gegenzug garantiert Albin0, dass er auf p1Xel aufpassen und dieser einen tieferen Einblick hinter die Kulissen seiner Wirklichkeit erfahren wird.

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